Günter Reisch


Günter Julius Hermann Reisch wird am 24. November 1927 in Berlin als Sohn des Bäckermeisters Julius Reisch und seiner Frau, der kaufmännischen Angestellten Erna Reisch, geb. Queißer, geboren. Nach dem Tod des Vaters zieht die Familie 1934 nach Potsdazm, wo Reisch die Oberrealschule bis zur 10. Klasse besucht. Er wird als 16-Jähriger kurz vor Kriegsende eingezogen, gerät mit der »Armee Wenck« bei Tangermünde in amerikanische Kriegsgefangenschaft und ist nach seiner Entlassung im Sommer 1945 Hilfsbauarbeiter in Hildesheim. Im Herbst 1945 zur Familie nach Potsdam zurückgekehrt, besucht er bis 1947 die Humboldt-Oberschule mit abschließendem Abitur. Schon zu dieser Zeit besteht der Wunsch, Regisseur zu werden. Er beteiligt sich am Aufbau und an der Leitung des Theaterensembles im Antifa-Jugendausschuss Potsdam, wo er 1947 »Ulysses von Ithaka«
von Ludvig Holberg inszeniert.


Gleichzeitig nimmt er Schauspielunterricht bei Werner Kepich und wird 1948 als Regieassistent im gerade gegründeten Nachwuchsstudio der DEFA aufgenommen. Dessen künstlerischer Leiter und Reischs wichtigster Lehrer ist der sowjetische Regisseur Il’ja Trauberg.
Als Regieassistent arbeitet Reisch 1948 beim Altmeister des Films Gerhard Lamprecht (QUARTETT ZU FÜNFT), 1949 bei Georg Wildhagen (Vorbereitung für FIGAROS HOCHZEIT), 1951 bei Martin Hellberg (DAS VERURTEILTE DORF). Prägend für Reisch wird vor allem die viele Jahre währende Zusammenarbeit mit Kurt Maetzig (u.a. RAT DER GÖTTER, ROMAN EINER JUNGEN EHE und ERNST THÄLMANN), die schließlich 1958 in eine Co-Regie bei DAS LIED DER MATROSEN mündet.


1955 wird Reisch als Regisseur beim DEFA-Studio für Spielfilme angestellt. Sein Debütfilm ist JUNGES GEMÜSE, nach Motiven von Gogols »Der Revisor«, die in die DDR-Gegenwart transponiert werden. »Reisch inszenierte mit JUNGES GEMÜSE seinen ersten Film und bewies dabei, daß er seine langjährige Assistenzzeit bei Prof. Kurt Maetzig gut genutzt hat. (…) Während Arrangement und Spieltempo noch Schwächen des Regisseurs erkennen lassen, konnte er andererseits in der Schauspielerführung erfreuliche Leistungen zeigen.« (F. Salow, Deutsche Filmkunst, Nr. 6, 1956). Der Aufforderung der Hauptverwaltung Film, einige satirisch zugespitzte Dialoge zu entschärfen, verweigert sich Reisch. Der Film, der zugleich eine langjährige Zusammenarbeit mit dem Szenaristen Günther Rücker begründet, steht am Anfang einer Reihe von Komödien, in denen Opportunismus, Duckmäusertum, selbstgerechte Überheblichkeit und andere »kleinbürgerliche« Schwächen im DDR-Alltag mit Spott, Ironie, Humor und Fantasie behandelt werden.


Mit dem Agentenkrimi SPUR IN DIE NACHT versucht sich Reisch, wenig erfolgreich, im kriminalistischen Genre. Die Story, zusammen mit Gerhard Neumann geschrieben, ist zu umständlich, so dass keine rechte Spannung aufkommt. Aber auch hier eckt Reisch bei der Filmbehörde an mit Rock’n Roll tanzenden Jugendlichen, die man in der DDR offiziell nicht gerne sieht.
Die Arbeit am Theater – Reisch inszeniert 1958 am Volkstheater Rostock eine Bühnenfassung von Lev Tolstojs »Krieg und Frieden« mit Gastspielen in Polen und Bremen (auch TV-Aufzeichnung) – bleibt eine singuläre Episode in seinem künstlerischen Schaffen.


Offenbar an die kulturpolitischen Erwartungen angepaßt wirken MAIBOWLE (1959) und SILVESTERPUNSCH (1960); dennoch kann Reisch es nicht unterlassen, einige Figuren des Partei- und Staatsapparates übermäßig stark zu karrikieren. MAIBOWLE – angesiedelt in einem Chemiebetrieb – soll das gerade angekurbelte Chemieprogramm der DDR propagieren. Bei SILVESTERPUNSCH geht es um zwei Brigaden, die unterschiedliche Auffassungen von Freizeitgestaltung haben. Die Brigade (mit Paul Lehmann als Brigadier) hat sich dem Sport verschrieben und trainiert jede freie Minute für kommende Erfolge. Beide Filme sind »Versuche, im Ensemble menschlicher Beziehungen eine sich wandelnde Gesellschaft zu fassen, Beobachtungen zu machen, Charaktere zu suchen, die auf eigene Weise ihren Weg gehen« (Ch. Funke, 1984).


In der Kriminalsatire DER DIEB VON SAN MARENGO (1962/63) und in JUNGFER, SIE GEFÄLLT MIR (1968), der freien Nacherzählung (Buch: Jurek Becker) von Kleists »Der zerbrochene Krug«, versucht Reisch zudem Stilelemente des Musicals einzuflechten. ACH, DU FRÖHLICHE … (1961/62) – Drehbuch Hermann Kant nach der Bühnenkomödie »Und das am Heiligabend« von Vratislav Blazek – zeigt ironisch-heiter, welche Probleme dem »Genossen Lorke, Direktor für Kader« (Erwin Geschonneck) einen Weihnachtsabend zu verderben drohen, weil Ansichten und Lebensweise der heranwachsenden Kinder und der Nachbarn nicht unbedingt seinen Vorstellungen von sozialistischer Moral entsprechen.


EIN LORD AM ALEXANDERPLATZ (1966/67) zeigt, wie ein auf den Traum von kleinbürgerlicher Familienidylle orientiertes Gaunerpaar – der Heiratsschwindler Ewald Honig (Geschonneck) und seine auf ältere Herren spezialisierte Tochter Ina (Angelica Domröse) – auch im Sozialismus Erfolg haben kann. Ebenfalls satirisch akzentuiert ist NELKEN IN ASPIK (1975/76) über die freiwillig-unfreiwillige Karriere eines Werbezeichners (Armin Mueller-Stahl), der es als konsequenter Schweiger und nur nickender Zustimmer bis zum Generaldirektor bringt.


Zu den gelungensten Filmkomödien der DEFA zählt ANTON DER ZAUBERER (1977), nach einem Szenarium von Karl Georg Egel, in dessen differenzierter Schilderung des genialen »Organisators« Anton (Ulrich Thein) sich die frühen Jahre der DDR spiegeln. »Anton Grubske erhält 1945 den Auftrag, seinen Staat in die eigenen Hände zu nehmen – als Arbeiter. Er wirtschaftet aber in die eigene Tasche und schafft sich dafür Gründe, die komischerweise wieder gesellschaftlicher Natur sind. Er will die Ausbeuter – beispielsweise die Großbauern – ausbeuten. Aber die komischen Widersprüche, die hier sein Verhältnis zur Arbeit bestimmen, legen auch eine gewisse tragische Entwicklungsmöglichkeit des Charakters frei.« (Reisch zu Haucke, 1979).

Reischs langjähriges und unermüdliches Bemühen um Unterhaltung im DEFA-Film charakterisiert sein Freund und Kollege Günther Rücker: »Er versucht sich immer und immer wieder an Komödien und Lustspielen und Schwänken, er trieb das Spiel hoch bis zur Farce, und er hat seine schönsten Leistungen, sein Bleibendes (denke ich), in tiefernsten, tragischen Sujets abgeliefert. Wie oft versuchten seine Freunde, ihn vor Illusionen zu bewahren. Er lächelte: Trotz alledem!« (Rücker, 1987).


Neben diesem Genre widmet sich Reisch immer wieder der Darstellung wichtiger Abschnitte aus der Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung. 1958 kommt es zu einer ungewöhnlichen Teamarbeit: Damit DAS LIED DER MATROSEN pünktlich zum 40. Jahrestag der Novemberrevolution uraufgeführt werden kann, werden zwei Drehstäbe gebildet: Kurt Maetzig mit Kameramann Joachim Hasler dreht die Szenen auf Offiziers- und Admiralitätsebene, während sich Maetzigs Schüler Reisch mit Kameramann Otto Merz dem ›einfachen‹ Volk, den Matrosen und Heizern widmet und vor allem auch die Massenszenen dreht. Dass der Film unter diesen Bedingungen ein harmonisches Ganzes wird, ist gewiss auch der jahrelangen Zusammenarbeit der beiden Regisseure zuzuschreiben. Bei der Schilderung des Matrosenaufstands 1918 in Kiel »ist ein liedhafter, balladenhafter Ton gewählt und die damit verbundene poetische Überhöhung des Ganzen, weil man den politischen Gesamtzusammenhang in aller Differenziertheit in einem einzigen Film anders wohl nicht in den Griff bekam« (K. Maetzig, Filmarbeit, 1987). Mit zwei Figuren der ideologisch gefächerten revolutionären Matrosengruppe schlagen die Autoren Karl-Georg Egel und Paul Wiens einen Traditionsbogen bis in die DDR: der anarchistisch eingestellte Matrose Jupp König (Stefan Lisewski) – Reischs Lieblingsgestalt – taucht als Hauptfigur in Konrad Wolfs SONNENSUCHER (1957/58) wieder auf, Bartuschek (Hilmar Thate) in Wolfs LEUTE MIT FLÜGELN (1960), beide dann von Erwin Geschonneck dargestellt.


Reisch wendet sich in seinen folgenden historischen Filmen vom Konzept des »kollektiven Helden« wieder ab und behandelt in Zusammenarbeit mit dem Autor Michael Tschesno-Hell eine Zentralfigur der Arbeiterbewegung: SOLANGE LEBEN IN MIR IST (1964/65) schildert Karl Liebknechts (Horst Schulze) pazifistischen Kampf als Reichstagsabgeordneter im Ersten Weltkrieg; TROTZ ALLEDEM! (1971) behandelt sachlich und unpathetisch die Geschehnisse von 1916 (Liebknechts Inhaftierung in Luckau), über die Novemberrevolution 1918 bis zu Liebknechts und Rosa Luxemburgs Ermordung am 15.1.1919. »Die historisch-biografischen Filme Reischs (...) verraten eine gewisse Unsicherheit bei der Behandlung des Zusammenwirkens gesellschaftlich-politischer und privater Momente im Leben der Helden. Das uralte, viel diskutierte Problem der Ästhetik, das Bild des historischen Helden, blieb meist ungelöst: Die Scheu vor seiner Verniedlichung durch ›allgemeinmenschliche‹ Zugaben auf der einen Seite und die Furcht vor einer zu starken Heroisierung auf der anderen prägten es.« (Hanisch, 1972). Reisch bekennt dazu Jahre später, es sei nicht Aufgabe der Kunst, vom Wirken eines Menschen in der Geschichte zu berichten, wohl aber von dem, was die von ihm erlebte Geschichte in seiner Brust anrichtet.


1970 entsteht zum 100. Geburtstag von Lenin in Co-Produktion mit dem Mosfil'm-Studio UNTERWEGS ZU LENIN nach den Erinnerungen des einflussreichen DDR-Kulturfunktionärs Alfred Kurella, »ein Film des großen Abschieds von der schwärmerischen Begeisterung und Verklärung der proletarischen Revolution zugunsten nüchterner Alltagsarbeit« (Haucke, 1981).
Gemeinsam mit Günther Rücker als Autor dreht Reisch 1974 WOLZ – LEBEN UND VERKLÄRUNG EINES DEUTSCHEN ANARCHISTEN, angelehnt an die Kämpfe des Anarchisten Max Hoelz in der Weimarer Republik, den er mit dem litauischen Schauspieler Regimantas Adomaitis besetzt. Der Film verwendet neben realistischen Mitteln auch die der Poetisierung, der Metapher und der symbolischen Verfremdung zu einer gelungenen, differenzierten künstlerischen Darstellung, bei der – wie wiederholt in seinen Filmen – Reischs anarchisches Träumen deutlich wird, das sich allerdings dann immer wieder der Partei-Disziplin unterwirft. »Wie da einer die Revolution als Abenteuer nimmt, welchen Spaß er daran hat, verkehrte Verhältnisse sofort und aus dem Handgelenk zu berichtigen, das teilt sich dem Betrachter als eine große romantische Sehnsucht mit. Gerade weil aber schmerzlich deutlich wird, daß diese Sehnsucht keine Erfüllung finden kann, bleibt das Leuchten über Wolz, gewinnt er Größe.« (Funke, 1984).


Zu Reischs größten Erfolgen zählen zwei Werke, in denen er sich mit dem Faschismus auseinandersetzt. Nachdem die DEFA den Stoff einige Jahre zuvor noch abgelehnt hat, inszeniert er 1961 mit Hans-Joachim Kasprzik den 5-teiligen »Fernsehroman« GEWISSEN IN AUFRUHR. Basierend auf dem autobiografischen Bericht von Rudolf Petershagen schildert die Serie das Schicksal eines Oberst der Nazi-Wehrmacht, des »Retters von Greifswald«, der sich gegen die Befehle und für die Menschen entscheidet, sowie seinen Kampf gegen die Wiederaufrüstung in der BRD. Der Film wird kurz nach dem Mauerbau in der DDR – auch durch die darstellerische Kraft von Inge Keller und Erwin Geschonneck – zu einem außergewöhnlichen Fernseh- und Kinoereignis, denn es steht nicht wie gewohnt die Heldengestalt des Widerstandskämpfers im Mittelpunkt, sondern eine von Millionen Kriegsteilnehmern nachzuempfindende Haltung eines ›bürgerlich‹ Denkenden, dessen Gewissen sein Handeln bestimmt.
1979 entsteht – nach einem autobiografischen Roman von Eva Lippold – wieder gemeinsam mit dem Szenaristen Rücker DIE VERLOBTE über das Schicksal einer klassenbewussten Kommunistin (Jutta Wachowiak) in den Gefängnissen der Nazis 1934–44. Seine starke Wirkung bezieht der Film, der überwiegend in der Bedrängnis der Zuchthausmauern spielt, aus den sensiblen Großaufnahmen des Kameramanns Jürgen Brauer. Die historischen Bezüge – Hitler zujubelnde Volksmassen im noch heilen Vorkriegsberlin, Wochenschau-Siegesmeldungen, Stalingrad – werden dokumentarisch eingeblendet. »Der besondere Stellenwert dieses Films liegt darin, daß er seine Heldin in menschliche Grund- und Grenzsituationen führt, in denen die physische und psychische Kraft eines Menschen dem eigentlich nicht mehr Ertragbaren, Sagbaren, Darstellbaren ausgesetzt werden. (...) Selten wurde so genau erfaßt, wie die ›normale‹, bürgerliche Lebensform von einer faschistischen Diktatur umfunktioniert und vereinnahmt, wie normale Lebensansprüche barbarisiert werden können. Und da führt der Film aus dem historisch und national Konkreten wiederum hinaus, assoziiert die faschistoiden Tendenzen unserer Zeit.« (K. Wischnewski, Film und Fernsehen, Nr. 10, 1980). Während der Dreharbeiten zu DIE VERLOBTE erkrankt Reisch schwer und muss sich mehreren Operationen unterziehen; Rücker führt den Film zuende.


Die Krankheit zwingt Reisch, mehrere Jahre zu pausieren. 25 Jahre nach ACH, DU FRÖHLICHE … nimmt Reisch – aus Anlass von Geschonnecks 80. Geburtstag – Thema und Personen (überwiegend von denselben Schauspielern verkörpert) in WIE DIE ALTEN SUNGEN … auf und versucht – auch durch Konfrontation mit Szenen aus dem alten Film –, die Entwicklung in der DDR humorig zu beleuchten. – Der Film lebt nicht zuletzt vom brillanten Spiel des Trios Geschonneck, Marianne Wünscher und Mathilde Danegger. »Mannigfache Lebensspuren auf den Gesichtern: das Altern mit gewonnener Reife und Schönheit, aber auch mit Verhärtungen und Verkrustungen. (…) Der Film braucht keine langen Erklärungen über gelebte Leben; die Zwiesprache der alten und der neuen Bilder ist beredter als jeder verbale Diskurs.« (R. Schenk, Filmspiegel, Nr. 7, 1987).


Zwischen 1980 und 1989 arbeitet Reisch an einigen Projekten, die er auch bei der DEFA einreicht: 1980 »Insel der Engel«, ein Science Fiction-Film über die Entwicklung psychologischer Waffen; 1981 »Die Geschäfte des Herrn B« über Bismarck und die Hintergünde der Reichsgründung 1871. 1982/83 Regievorbereitungen zu Helmut Baierls »Kristall« über die Inthronisation eines neuen Werkleiters bei VEB Zeiss Jena. 1983 »Spreepalast-Story« über den ›illegalen‹ Neubau des Friedrichstadt-Palastes; in Fortsetzung von ANTON DER ZAUBERER konzipiert Reisch 1984 die fantastische Story »Antons Geist«. Er lässt den gestorbenen Anton auf die Erde zurückkehren und mit seinem keineswegs versiegten Erfindergeist wieder mitmischen. »Der Kaiser und sein Schuster«, ist ein Filmmusical über den Hauptmann von Köpenick. All diese Projekte verschwinden mit fadenscheiniger Begründung oder sang- und klanglos in den Schubladen der DEFA-Leitung.


Eine Filmfassung der Günther Grass-Erzählung »Das Treffen in Teltge« (über ein fiktives Treffen von Dichtern im Jahre 1647) wird 1989/90 wegen der Vorbereitungen von Heiner Carows Großprojekt »Simplizissimus« (nach Grimmelshausen/Franz Fühmann) – allerdings auch dies nicht realisiert – abgelehnt. Mit Dean Reed arbeitet Reisch an der filmischen Adaptation von dessen Buch »Wounded Knee« über Indianer. Nach Reads Tod wird das Projekt abgebrochen. 1990 beschäftigt Reisch sich mit der Idee, »Antons Geist« ins gewendete Land zurückkehren zu lassen.
Über Jahrzehnte wirkt Reisch als Lehrer und Betreuer des Regie-Nachwuchses. Bereits 1955-60 hat er als Klassenleiter Regie einen Lehrauftrag an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg. Zu seinen Studenten zählen u.a. Celino Bleiweiß, Siegfried Kühn, Horst Seemann, Rolf Losansky, Maxim Dessau und Andreas Dresen, der bei Reischs letztem Spielfilm, WIE DIE ALTEN SUNGEN … Regieassistent ist. An sie gibt er sein künstlerisches Credo weiter. »Der Film braucht den aufregenden Charakter, den außerordentlich geforderten Menschen (…). Nicht die schnelle Identifikation des Zuschauers mit der Rolle strebt er an, sondern die kritische Auseinandersetzung mit ihr.« (Funke, 1984).
1966-80 ist Reisch Vizepräsident des Verbandes der Film- und Fernsehschaffenden der DDR. 1983 wird er als Ordentliches Mitglied in die Akademie der Künste der DDR gewählt. Er ist Mitglied des Künstlerischen Rats der DEFA und Mentor an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg.


Die 1990er Jahre sind von vielfältigen Aktivitäten gekennzeichnet: Lehrtätigkeit und künstlerische Betreuung von Studenten der Hochschule für Film und Fernsehen »Konrad Wolf«, Potsdam-Babelsberg. Nachdem er Andreas Dresen bereits während des Studiums betreut hat (SCHRITTE DES ANDEREN, 1986/87; ZUG IN DIE FERNE, 1989/90), ist er auch sein Mentor, als dieser Meisterschüler an der Akademie der Künste zu Berlin ist. Reich begleitet seine Filme SO SCHNELL GEHT ES NACH ISTANBUL (1990) und STILLES LAND (1991/92). Weitere Aktivitäten sind Seminare an der Gesamthochschule Kassel, dabei künstlerische Beratung von Gordian Maugg für seinen Film DER OLYMPISCHE SOMMER (1991-93); Lehraufträge bzw. Gastprofessuren an der Hochschule für Fernsehen und Film München, an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, an der Hochschule für Medien Köln, an der »Theater Statt« Ulm und an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Graz. 1994 wird Reisch erneut als Ordentliches Mitglied in die nun vereinte Akademie der Künste gewählt.
Zusammen mit Wim Wenders gründet er 1996 den Verein »Die ersten 100 Jahre Kino in Berlin« e.V., dessen Vorsitzender er bis zu dessen Auflösung 2006 ist. Zwischen 1996 und 2000 übernimmt er Lehraufträge an der Bauhaus-Universität Weimar (Honorarprofessur für »Filmgestaltung in den Neuen Medien«) und in der Filmklasse der Gesamthochschule Kassel.


Reisch ist 1959-69 mit Sibylle Dunkelmann verheiratet, der Ehe enstammen die Töchter Andrea (geb. 1959) und Kerstin (geb. 1962). 1971 heiratet er die wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der Künste, Beate Schäfer, und bekommt mit ihr die Söhne Gregor (geb. 1972) und Markus (geb. 1973).
Günter Reisch lebt in Berlin.

Auszeichnungen
1958 Erich-Weinert-Medaille (Kunstpreis der FDJ) für DAS LIED DER MATROSEN.
1959 Nationalpreis D. Klasse für DAS LIED DER MATROSEN im Kollektiv.
1961 Nationalpreis I. Klasse für GEWISSEN IM AUFRUHR im Kollektiv.
1966 Nationalpreis II. Klasse für SOLANGE LEBEN IN MIR IST im Kollektiv.
1970 Nationalpreis III. Klasse für UNTERWEGS ZU LENIN im Kollektiv.
1970 IFF Karlovy Vary: Spezialpreis der Jury für UNTERWEGS ZU LENIN.
1972 Kunstpreis des FDGB für TROTZ ALLEDEM! mit Jürgen Brauer, Michael Tschesno-Hell.
1978 Heinrich Greif-Preis I. Klasse für ANTON DER ZAUBERER mit Karl Georg Egel, Ulrich Thein..
1980 Nationalpreis I. Klasse für DIE VERLOBTE im Kollektiv.
1980 IFF Karlovy Vary: Grand Prix für DIE VERLOBTE.
1981 IFF Sydney: l. Preis für DIE VERLOBTE.
1982 2. Nationales Spielfilmfestival der DDR Karl-Marx-Stadt: Großer Preis für DIE VERLOBTE.

Literatur
Von Reisch
— Entscheidende Begegnungen. In: Märkische Volksstimme, 21.4.1966.
— Das Gespräch geht weiter. Der Film – Abbild oder Entwurf? In: Film und Fernsehen, Nr. 3, 1977, S. 2-8. (Gespräch).
— mit Lutz Haucke: Erinnerungen im 30. Jahr der DDR. Ein Werkstattgespräch. In: Filmwissenschaftliche Beiträge, Nr. l, 1979, S. 5-34; Nr. 2, 1979, S. 84-110; S. 111-128 (Filmografie, Bibliografie).
— Anspruch, Realisierung und Zuschauer. Hg. v. Hermann Herlinghaus. Theorie und Praxis des Films, Nr. 7-8, 1980, 221 S. (Gesammelte Aufsätze und Äußerungen zu Person und Filmen).
— Zukunft unserer Kinolandschaft. In: Film und Fernsehen, Nr. 4,1988, S. 33-35.
— Offener Brief des Filmregisseurs Günter Reisch an die DEFA–Erben z. Hd. Volker Schlöndorff. In: Berliner Zeitung, 13.11.1992.
— Erich Franz. In: Ralf Schenk (Hg.): Vor der Kamera. Fünfzig Schauspieler in Babelsberg. Berlin: Henschel 1995, S. 58-61.
— Ulrich Thein. In: Ralf Schenk (Hg.): Vor der Kamera. Fünfzig Schauspieler in Babelsberg. Berlin: Henschel 1995, S. 232-237.
— Heiner Carow. Zu früher Tod nach einem langen Atem. In: Film und Fernsehen, Nr. 2, 1997, S. 48-49.

Über Reisch
— E. Kießling: Seine Waffe ist die Kunst. In: Das freie Wort, Suhl, 11.11.1961.
— Helmut Baierl: Begegnung mit Günter Reisch. In: Sonntag, 13.9.1970.
— Erika Pick (Hg.): Unterwegs zu Lenin. Der Lange Weg zu Lenin. Texte, Methoden, Meinungen. Berlin/DDR: Akademie der Künste 1971, (Arbeitshefte 5), 128 S. (Materialien).
— Michael Hanisch: Der eine und der andere Reisch. In: Sonntag, 16.1.1972.
— Margit Voss: Das ABC eines einfachen Räubers. In: Film und Fernsehen, Nr. 3, 1974, S. 19-25. (Gespräch mit Reisch und Rücker).
— Ludmilla Kasjanowa, Anatoli Karawaschkin: Günter Reisch. In: L. K., A. K.: Begegnung mit Regisseuren. Berlin/DDR: Henschel 1974, S. 59-100. (Gespräch).
— Lutz Haucke: Die Filme von Günter Reisch. Ein Versuch zu Problemfeldern der DDR-Filmgeschichte. In: Weimarer Beiträge, Nr. 9,1979, S. 88-116.
— Peter Hoff: Anton der Zauberer. In: DEFA-Filme 1978-1980. Aus Theorie und Praxis des Films, Nr. 4, 1980, S. 7-16.
— Lutz Haucke: Günter Reisch. Von der Notwendigkeit des historischen Revolutionsfilms und der Filmkomödie. In: Rolf Richter (Hg.): DEFA-Spielfilmregisseure und ihre Kritiker. Band 1. Berlin/DDR: Henschel 1981, S. 125-149.
— Film und Fernsehen Dossier (zu »Die Verlobte«). In: Film und Fernsehen, Nr. 11, 1981, S. I-XVI. (Beiträge von L. Haucke, K. Wolf, P. Edel, W. Kohlhaase, S. Knoll, J. Wachowiak, W. Herzfelde, R. Jürschik, G. Rücker, G. Reisch).
— Eike Middell: Die Verlobte. In: Heinz Hofmann (Red.): DEFA-Spielfilme am Beginn der 80er Jahre. Podium und Werkstatt, Nr. 12, 1982, S. 59-75.
— Christoph Funke: Es bleibt ein Leuchten. In: Film und Femsehen, Nr. 9, 1984, S. 4-7.
— Helmut Ullrich: »Ein Stück Geschichte unseres Landes«. In: Filmspiegel, Nr. 5, 1987.
— Roland Burkhardt: Diese Generation sollte weniger großer Gefühle fähig sein …? In: Sächsische Zeitung, 3.4.1987. (Interview).
— Günther Rücker: Günter Reisch 60. In: Sonntag, 29.11.1987.
— Andreas Dresen: Geschichte in der Brust des Menschen: Gespräch mit Günter Reisch über DEFA, Vergangenheit, Zukunft. In: Film und Fernsehen, Nr. 1, 1993, S. 37-40.
— Ralf Schenk: Zwischen Komik und Pathos: der Regisseur Günther Reisch – Skizzen zu einem Porträt. In: Film-Dienst, Nr. 23, 1997, S. 4-7.
— Andreas Dresen: Laudatio für Günter Reisch zum 75. Geburtstag. Unter: http://www.filmmuseum-potsdam.de/Filmreihen90Jahre.html#vortrag6. (28.12.2004). [IM ARCHIV]

Ingrun Spazier
© CineGraph. Lexikon zum deutschsprachigen Film (45. Lieferung 2007). Hg. v. Hans-Michael Bock. edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München