Reisch meets Fassbinder |
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– und “Anton der Zauberer“ verlässt 1979 mit anderen „Ostlern“ die Berlinale .
( erschienen in der Süddeutschen Zeitung“ vom 11. 02. 2010 ) |
Diese Filmkomödie war mit großem Erfolg 1978 in der DDR gestartet .Unserer Zuschauer wie auch die Leser erwarteten immer neue ktitischere Töne zwischen den Zeilen und den Bildern. Also, dass der vielseitige Anton, Autoschlosser und Imker mit seinem Bienenwagen an der deutsch-deutschen Grenze bei Eisenach stand und von der Polizei befragt, was er da mache, antwortet : „Westhonig – ich mache hier Westhonig!“ da war der große Lacher sicher. Dieser Mann nach 45 aus dem Kriege in die Mark Brandenburg heimgekehrt, baut sich ein Leben neben dem Sozialismus auf. Bei der Entlassung aus der Gefangenschaft riet ihm ein sowjetischer Soldat: „Du bist Arbeiter, Du musst jetzt alles in die eigene Hand nehmen!“ Er macht das, repariert die verrosteten Traktoren - und steckt alles steuerfrei in die eigene Tasche. Er wird dabei Millionär, und befördert gleichzeitig den Sozialismus. In diesem Widerspruch lebt die Gestalt „Anton der Zauberer“.
Auf der anderen Seite der Mauer entsteht zur gleichen Zeit von Faßbinder „Die Ehe der Maria Braun“ Seine Hauptgestalt wird sich mit nicht sehr freundlichen Mitteln ihre Karriere im bundesdeutschen Wirtschaftswunder sichern.. Beide Filme, von Wolf Donner zur Berlinale eingeladen, versprachen einen interessanten Blick auf die beiden Deutschlands 1979.
Und wie Geschichte von ihren Autoren und Mitwirkenden gesehen wurde.
Über die Mauer hinweg trafen sich damals viele Künstler. Wir befreundeten Filmleute hatten unter uns abgemacht: Unser Feld der Gestaltung politischer Themen bleibt jeweils in den eigenen Grenzen.
Also kam ich damals frohgemut im kalten Winter 1979 zur Berlinale. Traf bei der Eröffnungsparty Fassbinder. Er im weißen Smoking, ich in einem schwarzen. Seiner war nicht geliehen. Wir tranken , sprachen über den Inhalt unserer Filme, die wir beide jetzt sehen würden– und nach mehreren Bier fanden wir , unser Paar sei ein Fall für „ex aequo“ auf höchster Ebene. Überraschend präsentierte in letzter Minute die Festivalleitung den Film von Michael Cimino „The Deer Hunter“, der gerade in Melbourne und in Belgrad aus Festivals abgelehnt oder negiert worden war . (??)
Wir wurden zu einer Preview eingeladen. Nach einer Stunde Begeisterung über die ersten hervorragend gespielten Szenen über amerikanische Stahlwerker russischer Herkunft an der Westküste der USA, gerieten wir mit ihnen in den Dschungel des Krieges - in Vietnam. Darüber gab es schon eine Reihe hervorragender Antikriegsfilme aus den USA. Wir erhofften eine Fortsetzung und erlebten die Enttäuschung, dass der unterliegende Goliath den kleineren Gegner zum bösartigen ‚Untermenschen’ machen muss, um sich und seinen Zuschauern, die Wunden zu lecken.
Die Kulturministerien des Ostblocks beschlossen, die Festivalleitung zu bitten, den Film
„The Deer Hunter“ nicht im Rahmen der Berlinale zu veröffentlichen.
Die Leitung der Berlinale oder wer immer in dieser sich außenpolitisch zuspitzenden Frage hinter ihr stand, blieb bei ihrer Entscheidung. Also gab es am zweiten Tag in Westberlin eine internationale Pressekonferenz auf der die Delegationsleiter des Ostens ihren Entschluss
bekannt gaben, das Festival zu verlassen. Für die DDR sprachen Günter Reisch und Heiner Carow. Ich erinnere mich einleitend von unserem Internationalen Leipziger Dokumentarfilmfestival gesprochen zu haben, das über lange Jahre Weltgeltung gewonnen hatte, gerade mit Filmen gegen den langen und schrecklichen Krieg der USA in Vietnam. Die Berlinale kündigte mit dem offiziellen Auftritt von „Deer Hunter“ eine klare Gegenposition an, der wir hiermit eine Absage erteilten. Also zog ich unseren, meinen Film zurück. Es war ein schwerer Entschluss. Ich sprach mit belegter Stimme vor den internationalen Fernsehkameras von dieser Enttäuschung.
Nach dieser Konferenz umarmte mich ein anerkannter amerikanischer Filmkritiker, der auch andere Filme von mir bewertet hatte. Dann standen wir im Schnee auf den Straßen vor dem Festivalkino und sahen wie unser Film aus den Ankündigungen gelöscht wurde. Ich bedauerte meinen Freund Ulrich Thein, der mit seiner Glanzrolle Chancen für einen Schauspielerpreis gehabt hätte.
Ebenso bedauerten wir unsere kubanischen Filmkollegen, unter ihnen neben Alea auch andere weltbekannte Regisseure. Auch sie verließen das Festival. Wir blieben mit ihnen noch drei Tage in Ostberlin zusammen, speisten im Palast der Republik und irgendwo habe ich noch Fotos von einer gemeinsamen Schneeballschlacht auf dem Alexanderplatz.
Heinz Kersten, der Filmkritiker des „Tagesspiegels schrieb bedauernd über diese Entscheidung und betonte, hier sei eine Chance der künstlerischen Wertung neuester deutscher Geschichte verloren gegangen. Während der nächsten Jahre der Berliner Filmfestspiele gab es leider kein nachholendes Treffen mehr zwischen „Maria“ und „Anton“.
1979 übergab die Berlinale Hanna Schygulla den Silbernen Bären für ihre Darstellung der Maria Braun und im gleichen Jahre zeichnete eine internationale Jury auf dem Moskauer Filmfestival Ulrich Thein als besten Darsteller für seine Rolle „Anton der Zauberer“ aus.
Zu einer Begegnung beider Filme kam es dennoch: In den neunziger Jahren veranstaltete Erwin Leiser, der damalige Vorsitzende der Mediensektion der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg, eine öffentliche Doppelvorführung.
Übrigens hatte kein Kritiker der DDR öffentlich bemerkt, oder wollte es nicht, dass Anton auf den letzten Metern des Filmes Selbstmord verübte.- auch Maria im Westen überlebte bekannterweise nicht den Versuch ihr Dasein gesichert einzurichten.
Günter Reisch
( Persönliches Nachwort für Susan Vahabzadeh von der „Süddeutschen Zeitung“, die mich zum Schreiben dieses Artikels verleitete :
Liebe Susan, so sehe ich mich also auch als ein mehrfach Geschädigter des Kalten Krieges.
1974 war ich mit „Wolz – Leben und Verklärung eines deutschen Anarchisten“ (fast ein Fassbinder – Titel!) sowohl aus einer Sektion in Cannes, wie aus dem Wettbewerb des Festival in Karlovy Vary herausgeflogen, wegen „Terrorismus auf der Leinwand „ – reiner Quatsch. Aber es waren damals gerade die Baader- Meinhoff – Prozesse in aller Munde und die Empfindlichkeit entsprechend groß.
Aber gerade wegen jenes Filmes hatten mich westdeutsche Regie–Kollegen später in die vereinigte Akademie der Künste gewählt.
Das ZDF hatte damals in vorauseilender Begeisterung den Übernahmevertrag von „Wolz“ noch am Abend der Berliner Premiere unterschrieben, auch bezahlt - und den Film bis heute nicht gesendet. So kann’s einem gehen. Mit besten Grüssen! Ihr Günter Reisch )
Lieber Kurt Maetzig,
Du kannst auf so viele, viele Geburtstage zurückschauen, nun bitte einen langen Atem auch nach diesem, Deinen Neunundneunzigsten! |
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Kälte verkrustet das Land – aber Freundschaft erwärmt und auch Erfahrungen einer gemeinsam erlebten, vielschichtigen, nun historischen Vergangenheit - und unser Träumen von einer weltweiten menschenwürdigen Zukunft.
Du hast mich immer mit Voltaire angeregt und geraten auch unsere damaligen Vorstellungen nicht für den Entwurf der ‚Besten aller Welten’ zu halten. Du hast die Probleme der eigenen Verwundbarkeit viel früher gesehen und an uns weiter gegeben. Aber die Dinge bleiben in Bewegung, auch wenn wir daran heute weniger Anteil haben.
Dir, lieber Kurt, wünschen wir ein gutes Jahr mit etwas kleineren, aber unbeirrbaren Schritten an Baerbels Seite. Gepaart auch mit Deinen uns gewohnten, aber immer wieder bewunderten, geistigen Sichten auf Vergangenes und Kommendes.
Schreite voran, Dein erstes Lebensjahrhundert
zu vollenden! ! !
Du hast für nachdenkende Zuschauern viel weiter zu Denkendes geschaffen.
Unsere besten Filme bleiben Fenster in die Vergangenheit – und es wird eine Zeit kommen, dass diese sich öffnen und klügere Generationen können dann an unseren Hoffnungen und Irrtümern ihre Gegenwart und Zukunft abwägen. Auch wir erlebten so manches Tauwetter, das alte Verkrustungen aufbrach.
Wir wünschen euch einen schönen ruhigen Geburtstag mit vielen Grüßen und Wünschen von nah und fern.
Mit einem lieben Wintergruß aus dem Treptower Park.
Berlin, am 25. Januar 2010
Liebwerte cineastische Internetnutzer, Freunde und Weggenossen,
wie bekannt verschwand vor 20 Jahren ein international anerkannter deutscher Staat aus dem vielschichtigen Geflecht der Vereinten Nationen. Auf Wunsch fast aller Einwohner, so nach heute gängiger Meinung.
Aus ihren 40 Jahren hat diese Republik vielfache Spuren hinterlassen - und viele nicht zu ihren Gunsten. Diejenigen, die diese Zeit zurückwünschen, werden in einem politischen Altenheim verbleiben. Ich werde nicht zu ihnen gehören.
Doch immer mehr meiner Mitbürger machen die Erfahrung, dass die ihnen im bundesdeutschen Grundgesetz zustehende Würde des Menschen (bezogen auf ihre ‚unverjährte’ Vergangenheit vor 20 Jahren ) auf unterschiedliche Art vorenthalten wird.
Künstler, die die vorige Republik nicht verlassen hatten, haftet der Schatten an als Diener eines Unrechtsstaates verdächtig zu sein. Solches wurde Pastoren, die in ihren Gemeinden verblieben, nicht vorgeworfen. Aber auch die Kunst und ihre Urheber hatten ihre Gemeinden. Die größten sicher unter den Filmzuschauern.
In den letzten Jahren haben Kulturstaatsminister wie auch die Bundeszentrale für politische Bildung dem DEFA-Schaffen den Wert eines nationalen Kulturerbes zugesprochen. Offenbar kennen sie davon mehr Filme als die amtierenden Fernsehintendanten und ihre Rundfunkräte.
Anspruchsvolle ältere Filme über irgendwann gelebte Gegenwart tragen stets mehrere Ebenen zum Zuschauer. Die Emotion des augenblicklichen Erlebens und die Reflexion der Zeit ihres Entstehens und auch des damit verbundenen politischen Umfelds.
Doch auch die anspruchsvolle junge Filmkunst von heute hat es schwer auf dem quotenorientierten Markt. Innovationen sind dort nicht gefragt. So verbleibt Zukunftsträchtiges oft in den nächtlichen Nischen der wenigen Kultursender.
Brechts Forderung, die Kunst des Zuschauens und damit des Mitdenkens zu fördern, wäre als ein Kulturauftrag an die Medien zu verstehen - auch um sich neue Interessenten heranzuziehen. Das muss dann dem erhofften Unterhaltungswert nicht entgegenstehen.
Die konsequente Negation der DEFA-Filme ist seit 20 Jahren bei fast allen Fernsehredaktionen der alten Bundesländer obligat. Sie soll die Bürger offenbar davor bewahren, die einseitige Darstellung von dem ‚Leben der Anderen’ durch Einblicke in die filmisch immer noch vorhandene Gegenwart der DDR zu überdenken.
Ich hätte Vertrauen zu diesen Zuschauern und würde hervorragende Filme, die mit kritisch-realistischem Blick die Lebenswelt der DDR sahen, deren Urteil überlassen. So „Märkische Forschung“ von Roland Gräf; „Die Beunruhigung“ von Lothar Warneke; “Die besten Jahre“ von Günther Rücker; „Erscheinen ist Pflicht“ von Helmuth Dziuba und… und… und… Solche künstlerischen Beispiele sind von mehreren Generationen unserer Filmemacher vielfach zu finden.
Ich werde nächstens hier im Web eine Liste anbieten: „DEFA Filme, die ich mir archivieren würde“. Die Auswahl ist eine persönliche und umfasst weit über hundert von unseren Spielfilmen. Jeder meiner ehemaligen Kollegen kann diese ergänzen. Vielleicht gibt das Anregungen.
Die Zeit in der 25 von 750 gedrehten Filme in der DDR nicht aufgeführt werden durften, scheint für uns härter zurückgekehrt: Jetzt herrscht bei den meisten Sendern ein verabredetes Totalverbot unserer Spielfilme.
Es geht nicht nur um die DEFA. Es wäre doch interessant aufzulisten, wie viele engagierte gegenwärtige Filme nicht auf den Markt gelangen. Das werden Hunderte sein.
Aber die Geschichten der Vergangenheit brauchen denkende Zuschauer von heute. Das Jubiläum des Mauerfalls bietet viele neue Produktionen. Ich wünschte mir hinzugefügt in der Programmplanung auch Andreas Dresens Debütfilm „Stilles Land“. Er erhielt 1992 den Preis der Bundesfilmkritik. Damit wurde er als bester Spielfilm über die historisch-politische Wende gewürdigt. Er war inszeniert mit dem Atem der von uns erlebten Zeit. Heute scheint er in der gegenwärtigen Jubiläumsflut vergessen oder verdrängt. Und das war kein DEFA-Film! (Ist für Interessenten als DVD irgendwo bestellbar.)
Auch ich habe in der DDR eine ganze Reihe von anderen und mir geschriebenen Drehbüchern nicht produzieren können. Wir hatten in unserem Spielfilmstudio nur das Geld für 17 Kinofilme jährlich. Und über 30 Regisseure wollten drehen. Aus meinen nicht realisierten Vorhaben möchte ich in Zukunft auf meiner Website einzelne für mich interessante Szenen anbieten.
Nicht gedacht für neue Produktionen, sondern zur nachdenklichen Unterhaltung und für die Politikforscher, um auch aus solchen Quellen herauszufinden, was damals in unseren Köpfen vorging. Und da ich seit einigen Jahren für das Potsdamer Filmmuseum meine umfangreiche Sammlung archiviere, veröffentliche ich hier vielleicht auch einiges filmhistorisch interessantes Diskussionsmaterial aus den Inventarlisten meiner „Kellerschätze“.
Also schauen Sie bitte wieder einmal herein.
Ihr Günter Reisch
Berlin am 1. November 2009